Der Rattenfänger von Hameln

Gerissen sind sie, ungeheuer misstrauisch und geradezu intelligent. Umso unwahrscheinlicher ist es, dass es im 13. Jahrhundert einem Mann zu Hameln gelungen sein soll, mit Flötenspiel die gerissenen Tiere zu überlisten. Nicht einige wenige, nein alle Ratten wollte er dazu bringen, dem Laut seiner Pfeife zu folgen und sich ins Wasser der Weser zu stürzen. Kollektiver Selbstmord also. Erstaunlich, dass der bunt und fröhlich gewandete Harlekin gerade zu der Zeit nach Hameln kam, als der Ort unter einer entsetzlichen Rattenplage litt. Ein gewiefter Geschäftsmann, der die Regeln von Nachfrage und Angebot zu nutzen wusste.

Der Rattenfänger von Hameln. Ein Bauern- und Kinderfänger?

Das wäre eine plausible Erklärung, denn Bauernfänger, Scharlatane und Gaukler zogen im Mittelalter zuhauf durch die Lande. Die Geschichte ist ja bekannt. Es hieße Eulen nach Athen tragen, sie hier noch einmal wiederzugeben. Vielmehr soll untersucht werden, was an ihr Dichtung und was Wahrheit ist.

Es mag so gewesen sein, dass der Rattenfänger den Menschen des 13. Jahrhunderts Versprechungen gemacht hat. Und dass er für seine Dienste entlohnt werden wollte, versteht sich. Nicht eine einzige Ratte sollte zurückbleiben. Alle würde er mit dem Spiel seiner Pfeife betören und in den Tod locken. Ein Unterfangen, an das er selbst am wenigsten geglaubt haben wird. Und als sich alsbald herausstellte, dass die schlauen Tiere einen Teufel taten, dem Rattenfänger zu folgen, machte sich natürlich Unmut breit. Nach wie vor hausten die Ratten in Hameln. Und man wird sich geweigert haben, den Ratten- und Bauernfänger zu bezahlen.

Der wirklich wahre, der grausame Kern der Geschichte mag folgender sein: Kinderarbeit und Kinderhandel im finsteren Mittelalter. Die Geschichte erinnert an die der „Schwabenkinder“. Hier wurden ja insbesondere im 19. Jahrhundert selbst kleinste Kinder nach Schwaben geschickt. Die aus Tirol und Vorarlberg, aus der Schweiz und aus Südtirol stammenden Kinder wurden auf Märkten feilgeboten. Verdingen mussten sie sich dort immer wieder für eine Saison. Der Grund: bitterste Armut. Viele sind bei dem wochenlangen Marsch über die Alpen an den Bodensee ums Leben gekommen. Und Vielen ist es schlecht ergangen dort in der Sklaverei.

Vielleicht erklären die gleichen Beweggründe den Teil der Geschichte des Rattenfängers von Hameln, in der er zum Kinderfänger wird. Große Armut. Von einem Racheakt für nicht bezahlte Dienste ist in der Sage die Rede. Vielleicht aber sind der Rattenfänger von Hameln und der Kinderfänger von Hameln zwei Personen. Alle Kinder ab dem 4. Lebensjahr hat er – wiederum mit seiner Pfeife – dazu gebracht, ihm nach Siebenbürgen zu folgen.

Die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln. Hier sind Dichtung und grausame Realität eng miteinander verwoben.